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THE ART OF LEADERSHIP

GEGEN DEN IRRSINN DER ZEIT HILFT NUR KUNST 

 

Interview: Anna-Julia Rauscher | Fotos: Sarah Buth



Birgit Dierker ist eine Ausnahmeerscheinung im Feld des Leadership-Coachings. Im Oktober 2023 eröffnete die Künstlerin und Ex- Managerin ein neues Atelier bei Wedel. Ein Gespräch über Selbstführung, ein System vor dem Zusammenbruch und Mindemptiness 


Es gibt immer mehr Coaches – woran liegt das? 

Birgit Dierker: Ja, auf jeden Fall. Das Thema Coaching wird durch die stärker vernetzte Welt präsenter. Vor dem Hintergrund der gestiegenen Relevanz von mentaler Gesundheit und persönlicher Entwicklung verbinden auch immer mehr Menschen positive Erfahrungen mit Coaching. Und in der immer komplexer werdenden Arbeitswelt suchen mehr Menschen nach Orientierung. 


Was unterscheidet Deinen Ansatz? 

Ich verbinde zukunftsrelevante Disziplinen und Artwork mit der Praxis – und evaluierbar mache ich das Ganze auch. Dabei finden scheinbare Gegensätze zusammen: Als Künstlerin arbeite ich wissenschaftlich, das heißt, ich erforsche meine Thesen, habe belastbaren Hintergrund für meine Theorien. Und ich habe einen breiten Erfahrungsschatz, dieser ermöglicht mir ein tiefes Verständnis für die Möglichkeiten, die durch Kreativität freigesetzt werden. 


Warum brauchen wir Begleitung bei Veränderung? 

Wir brauchen keine Begleitung. Veränderung findet so oder so statt. Aber wir können die Dauer und den Umgang mit Veränderung gestalten. Die meisten Menschen sind allerdings nicht in der Lage, sich wirklich zu reflektieren und unbewusste Handlungsmuster zu erkennen – besonders in Krisen ist das eine Herausforderung. Dann ist Coaching sinnvoll. Das ist wie mit einem Spiegel. Wir brauchen ihn nicht, um uns zu schminken oder zu frisieren, aber es ist einfacher. 


Ist heute mehr Change als früher? 

Veränderung fand schon immer statt. Aktuell sind wir in einer Phase der exponentiellen Entwicklung. Das heißt Veränderungen sind schneller, komplexer und gelernte Handlungsmuster funktionieren nicht mehr. Um flexibel mit dieser Welt umzugehen, müssen wir unsere menschliche Ausstattung völlig anders nutzen. Verstandesgetrieben nutzen die meisten nur einen Bruchteil ihres Potenzials. Erschöpfung, Isolation sind immanent steigend. Das geht besser! Wir haben eine Leistungsgesellschaft geschaffen, die aus der falschen Quelle schöpft. Unser Verstand ist begrenzt und schnell erschöpft, aber unsere Sinne nehmen ein Vielfaches an Information über unsere Umwelt auf. 


Du bist auf Führung spezialisiert. Warum? 

Aus meiner langjährigen eigenen Erfahrung als Führungskraft in einem DAX 30 Unternehmen, weiß ich, wieviel Potenzial in jedem Augenblick durch unbewusste und entwicklungshemmende Führung verschwendet wird beziehungsweise wie viele Menschen jeden Tag unter schlechter Führung leiden. Das wirkt sich unter anderem in Fluktuation, Krankenstand oder nachlassender Produktivität aus. All das ist reichlich untersucht und dokumentiert. Ich habe Wissen und Erfahrung, wie das besser geht. Ich finde es daher super spannend, mich auf diesen so großen Hebel zu spezialisieren. So kann ich Arbeitsumstände und Zufriedenheit am effektivsten verbessern. Zum anderen ist die Fähigkeit sich selbst zu führen und eine gute Selbstregulation ein wesentlicher Faktor wie wir uns zukünftig als Menschheit weiterentwickeln. 


Was hat Dich angetrieben aus dem Top-Management in die Selbstständigkeit zu wechseln? 

Mir ist erst kürzlich wieder bewusst geworden, dass es wirklich ein tiefer innerer Ruf ist, dem ich mein ganzes Leben lang folge. Antrieb ist mein Wunsch nach Gemeinschaft, wirkliche Gemeinschaft, Potenzialentwicklungsgemeinschaft. Ich erlebe eine entbundene Gesellschaft und Studien belegen steigende Zahlen von Burnout, Einsamkeit, Suizid, etc. Immer mehr Menschen fühlen sich allein und dabei sind unsere Gehirne auf Verbindung ausgelegt! Diese Erfahrung und das Wissen möchte ich teilen, weil es so wichtig ist. Ich möchte beitragen, dass die Welt sich verbessert, zum Wohle aller. 


Wann hast Du begonnen zu malen und Deine Kunst in Coachings zu integrieren? 

Ich male, seit ich denken kann. Für mich war es tätige Meditation, Reflexion und in vielen Bereichen heilsam. Also insgesamt etwas, dass mir und meiner Entwicklung gedient hat. Ich integriere Kunst im Speziellen, wenn ich den Eindruck habe, dass es für den Entwicklungsprozess meines Kunden hilfreich ist. Meine Haltung als Künstlerin integriere ich schon immer in alles, was ich tue. Für mich ist alles Kunst und Material. Das ermöglicht mir einen Entwicklungsraum zu gestalten, der über das hinausgeht, was herkömmliche Coachings vermögen. 


Welche Bedeutung hat der Ort an dem Du arbeitest für Dich? 

Für mich hatte der Begriff Raum schon immer große Bedeutung – egal ob wir von einem physischen Raum wie einem Atelier oder einem sozialen Raum, der durch die gelebte Co-Kreation entsteht, sprechen. Als fühlendes Wesen und kreativer Mensch habe ich schon immer deutlich die Unterschiede in Räumen wahrgenommen und konnte unterscheiden, welche Rahmenbedingungen Potenzial fördern und welche Potenzial hemmen. Ich habe diese Tatsache dann für mich untersucht und viele Faktoren bestätigt bekommen, die für mich immer schon selbstverständlich waren. Farbwirkungen zum Beispiel, oder Equipment und Raumaufteilung. Wenn ich außerhalb meines Ateliers Workshops moderiert habe, war ich immer überrascht, wie viel Fokus auf Inhalte und wie wenig Fokus auf Rahmen, also Raum, gelegt wurde. Zum Glück ändert sich das gerade. 


Warum hast Du Dich für Dein neues Atelier in Wedel entschieden? 

Der denkmalgeschützte naturnahe Hof bietet die perfekte Umgebung, um effektive Transformation zu unterstützen. In der heutigen Zeit brauchen wir solche Orte. Wir brauchen neue Wege, um miteinander Zukunft zu gestalten und Gemeinschaft zu erleben. Der Hof mit seiner Historie ist für mein Verständnis eines erweiterten Kunstbegriffs der perfekte Ort. 


Dein Atelier heißt "werke und werte" – was steckt dahinter? 

Bei aller Veränderung in meinem Leben blieb stets der Titel, der bewusst klein geschrieben ist, da es um Tun geht. Auch mein Atelier im Eppendorfer Weg trug diesen Namen. 


Mit wem möchtest Du dort arbeiten? 

Mit Menschen, die sich entwickeln möchten. Menschen, die Zukunft gestalten möchten, statt zu jammern, wie schlecht alles ist. Die sich anstecken lassen möchten, von meiner Begeisterung über menschliches Vermögen, über das was im gemeinsamen Flow möglich ist. Menschen, die dem Irrsinn dieser Zeit etwas entgegenhalten wollen. Optimismus und Freude verbreiten möchten. Inspiration teilen, andere positiv anstecken. Hoffnung machen! 


Welche Veränderungsprozesse in Unternehmen  sind aus Deiner Sicht gerade besonders  dringend und aktuell häufig zu beobachten? 

Ich nehme in meiner Arbeit wahr, dass es nach der so großen Veränderung durch Covid, die Digitalisierung, KI etc. keine Phase der Reflexion gegeben hat. Nach Außen wurde immer weiter beschleunigt, aber die Menschen kommen nicht mit, haben die mentalen Skills, die einen gesunden Umgang mit Transformation ermöglichen, nicht erlernt. 


Welche Führungsstile haben sich überholt? 

Von Ego zu Eco bringt es vielleicht auf den Punkt. 


Und welche Führungsstile braucht es stattdessen? 

Jede Form, die Co-Kreation ermöglicht, die die Räume schafft, in denen Mitarbeiter kollektiv lernen, Wissen teilen, sich verbinden. 


Was war für Dich das beste Feedback an das Du Dich erinnern kannst? 

Das kam von einer Führungskraft, die für mehr als 300 Mitarbeitende verantwortlich ist. Er sagte: Ohne Deine Unterstützung wäre ich im Burnout gelandet. 


Wenn Du den besten Outcome Deiner Arbeit  mit wenigen Worten beschreiben würdest? 

Zufriedenheit und Gestaltungsfreude! 


Wie resettest Du Dich selbst nach einem  intensiven Coaching? 

Ein paar Minuten barfuß in der Natur und ich bin wieder ausgeglichen. Der Vorteil einer bewussten Selbstführung sind wenig Energieverlust und schnelle Regeneration. 


Wie nutzt Du das Malen für Dich? 

Malen ist für mich wie ein Selbstgespräch mit sichtbarem Ergebnis. Ich nutze die Leinwände als Sparringspartner, malen macht mein Unbewusstes für mich erkennbar und gestaltbar. Farben, unterschiedliche Materialien, Haptik – für mich immer auch ein sinnliches Erlebnis. Der Flow dient meinen Glückshormonen als Booster, hält mich lebendig und gesund. Mental und körperlich. 


Was hältst Du von dem Begriff Mindfullness? 

Ich bin für mehr Leere! Wir sind so voller Zeugs, dass mir der Begriff Mindemptiness lieber ist. 


Glaubst Du, dass wir uns schon weit nach vorn bewegt haben bei den Themen new work und  neue Führung? 

Aktuell habe ich nicht den Eindruck. Ich sehe eher das Gegenteil. Vielleicht ist aber eben dies genau das Zeichen dafür, dass ein neuer Evolutionssprung bevorsteht. Wie in der Homöopathie und der Erstverschlimmerung. 


Warum ist dieser Sprung erforderlich? 

Fakt ist, wir haben gar keine Wahl, das alte System ist am Ende.

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