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DIE FEMININE FEMINISTIN

Es ist nicht einfach nur Lingerie. Vielmehr sind die Kreationen der erfolgreichen Designerin Marlies Dekkers ein Lebensgefühl – ausgestattet mit einer überwältigenden Portion Selbstbewusstsein und Stärke. Inspiriert von "Musen", deren Geschichten sie imaginär auf die Trägerin zu übertragen scheint und gekonnt in Szene setzt. Ein Gleichgewicht zwischen Weiblichkeit und Emanzipation ist es, wofür sie einsteht und aus tiefster Überzeugung nonchalant lebt. Ein Gespräch mit einer charismatischen Künstlerin und Frauen-Botschafterin über Erfolg, Ziele, Träume und Gleichberechtigung


Interview von Ivona Okanik


Frau Dekkers, was wollten Sie als Kind werden?

Marlies Dekkers: Ich wusste immer, dass ich eines Tages Künstlerin werden möchte, aber es lag ein langer Weg vor mir. Meine Eltern wollten eigentlich, dass ich Hausfrau werde und so ging ich vier Jahre lang auf eine Hauswirtschaftsschule. Ich möchte nicht prahlen, aber ich mache einen wunderbaren „Vlaflip“ (niederländisches Dessert). Offensichtlich hat sich aber alles in eine ganz andere Richtung entwickelt. Zuerst erklärten mich meine Eltern für verrückt. Jetzt aber sind sie unbeschreiblich stolz auf mich und haben jede einzelne meiner Shows besucht.


Wen bewundern Sie? Wer war/ist Ihr Vorbild?

Viele großartige weibliche Persönlichkeiten der Vergangenheit und Gegenwart inspirieren mich. Sie sind meine Musen, die ich durch meine Kollektionen jede Saison ehren möchte. Aber, um ganz ehrlich zu sein, mein größtes Vorbild für mich… das bin ich. Und genauso sollten Sie Ihres sein! Es wird Ihnen gelingen, sobald Sie sich so lieben, wie Sie wirklich sind.


Wollten Sie immer Lingerie designen? Was fasziniert Sie daran?

Ich wusste zwar immer, dass ich künstlerisch tätig sein möchte, aber hatte noch keine bestimmte Richtung vor Augen. Dann, eines Tages, zeichnete ich im Unterricht eine Frau, die Modell stand. Während ich ihre wunderschönen Kurven in kreisförmigen Bewegungen zeichnete, da wusste ich es: Was, wenn ich als Künstlerin, den Körper einer Frau sozusagen als Leinwand nutze? Wenn du ein Gemälde anfertigst, hängt es sich jemand an seine Wand. Wenn du einen Stuhl designst, setzt sich jemand darauf. Aber wenn du Lingerie designst, wird es jemand tragen und damit deine Kunst vollenden! Ich hatte meine Berufung gefunden.


Verfolgen Sie ein Ziel mit Ihren Kreationen? Frauen zu bestärken, zu provozieren, Weiblichkeit neu zu definieren… oder alles zusammen?

Mein Ziel besteht in allem was ich tue darin, Frauen stark zu machen. Ich möchte Frauen dazu bewegen, ihre Schönheit anzuerkennen. Ich möchte, dass sie in den Spiegel sehen und sagen „oh wow – bin ich das?!“ Dazu kann ich mit meiner Lingerie beitragen. Ich hoffe, dass sie sich sogar traut, einen extra Knopf an ihrem Oberteil aufzuknöpfen, wenn sie meine Designs trägt. Weil ich sie dazu ermutigt habe, Selbstvertrauen zu entwickeln und ihren Körper zu zeigen. Dieses Selbstbewusstsein führt zu dieser Art von Stärke, womit Frauen all ihre Ziele erreichen können.


Ihre Kollektionen und deren Präsentation sind stylisch und künstlerisch, provozierend und wohltuend zugleich. Woher ziehen Sie Ihre Inspiration für die Kollektionen und zugleich Ideen für die Umsetzung der Shows?

Kurz nach meinem Abschluss an der School of Art & Design habe ich meinen ersten BH designt: „The Spider Bra“. Für diesen BH habe ich traditionelle Cups ersetzt durch ein raffiniertes Zusammenspiel gekreuzter Straps, um nicht nur die weibliche Brust in Szene zu setzen, sondern auch die Brustwarzen. So tat ich das, was ich heute immer noch tue: „framing beauty“, also die Schönheit des weiblichen Körpers unterstreichen. Währenddessen gehe ich von einer weiblichen Sichtweise aus: Was wollen Frauen?


Nachdem jahrhundertelang männliche Sichtweisen in der Lingerie-Industrie dominiert haben, möchte ich nun dazu zurückkehren, wie Frauen sich selbst gerne wahrnehmen möchten. Dabei bin ich wahrhaft von meinen „Musen“ inspiriert: Archetypen weiblicher Stärke. Die legendäre Flugpionierin Amelia Earhart, die 1932 alleine den Atlantik überquerte, hat allen Frauen gezeigt: The sky is NOT the limit! Die britische Schriftstellerin Agatha Christie hingegen hat, indem sie weibliche Stereotypen in kraftvolle verschiedenartige Persönlichkeiten umwandelte, Generationen von Frauen neu erfunden.


Und, um Ihnen einen schon mal kleinen Einblick zu gewähren: In der nächsten Saison dreht sich alles um jemanden, der mich inspiriert hat, Herausforderungen als Chance für die persönliche Weiterentwicklung zu begreifen. Sie ist die Königin von Ägypten... Aber ich bezeichne sie einfach als „Comeback Queen“!

Ihre Arbeit wurde bereits mit mehreren Preisen geehrt. Wird man mit der Zeit erfolgsverwöhnt?

Es ist ganz klar immer noch eine ganz spezielle Ehre! Aber umso mehr ehrt es mich, wenn sich Frauen in meinen Kreationen schön fühlen. Ich habe in letzter Zeit viele persönliche Fittings mit Kundinnen in unseren Stores durchgeführt. Zu sehen, wie das Selbstvertrauen vor meinen Augen beginnt zu wachsen, das ist der beste Preis für meine Arbeit, den ich mir wünschen kann.


Hat sich Ihre Sicht auf die Welt durch Ihre erfolgreiche Karriere und persönliche (Weiter-)Entwicklung verändert?

Ich finde, dass wir alle in der Verantwortung stehen, der Gesellschaft unterschiedliche Körper zu präsentieren, zum Beispiel über Social Media. Es gibt nicht mehr diesen einen, dünnen Körper, den uns die Fashionindustrie lange Zeit aufdiktiert hat. Frauen streben gemeinsam nach Diversität, bestärken sich gegenseitig, ohne dass etwas wie die Modeindustrie oder Magazine zwischengeschaltet sind. Ich liebe diese Entwicklung!


Dennoch muss ich zugeben, dass junge Erwachsene heute prüder sind, als ich es mit 20 war. Es wird meiner Meinung nach Zeit, diese sexuelle Freiheit zurückzuerlangen. Ich arbeite darum hart daran, Tabus weiblicher Sexualität aufzubrechen; wie zum Beispiel Körperbehaarung. Und das zusammen mit einer unglaublichen Gemeinschaft fortschrittlich denkender Frauen. Ich denke, das ist ein Teil der vierten Feminismus-Welle, in der wir uns momentan befinden. Ein längst überfälliger Wandel der Ungleichheit zwischen den Geschlechtern steht uns bevor und ich bin bereit dafür!


Welche Werte sind Ihnen wichtig?

Integrität ist ein sehr wichtiger Punkt für mich: Wenn ich etwas verspreche, dann halte ich mich auch daran. Aber ich denke, das wichtigste im Sinne des Feminismus, ist die persönliche Freiheit. Die Freiheit, die Wahl zu haben. Möchtest du den Fokus auf deine Karriere legen und CEO deines eigenen Unternehmens werden? Gut. Oder möchtest du eine Familie gründen und aufhören zu arbeiten? Auch gut! Es geht um die Freiheit, deinen eigenen Weg zu gehen statt den Weg, den deine Eltern, dein Partner oder die Gesellschaft für dich vorsehen. Darum lautet meine Devise: „Dare to dream, dare to grow, dare to be“.


Hat eine erfolgreiche und gefeierte Künstlerin wie Sie noch (unerfüllte) Träume? Oder Herausforderungen, denen Sie sich noch stellen wollen?

Ich muss sagen: Vieler meiner Träume sind bereits in Erfüllung gegangen. Meine Kollektion auf der Pariser Fashion Week zu zeigen beispielsweise, oder mit der legendären Fotografin Ellen von Unwerth für meine Kampagne zusammen zu arbeiten. Als Frau bin ich Teil der größten Herausforderung überhaupt: Die völlige Gleichberechtigung der Geschlechter zu erreichen. Ich bin sehr stolz auf den Fortschritt, den Frauen zusammen in den letzten Jahren gemacht haben, aber wir haben noch Großes vor uns. Wir befinden uns mitten in der vierten Welle des Feminismus. Als Verantwortliche unseres eigenen Schicksals, sind wir dazu aufgefordert, unsere Zukunft voller Möglichkeiten selbst zu gestalten. Eine Zukunft, in der Frauen und Männer gänzlich gleichgestellt sind.


In drei Jahren feiern Sie bereits Ihr 30-jähriges Jubiläum. Was wünschen Sie sich für sich und worauf freuen Sie sich am meisten?

Mein 30-jähriges Jubiläum ist für mich ein sehr großer Meilenstein und Teil meiner Lebensmission. Es inspiriert mich, mir vorzustellen, wie ich eines Tages zurückblicke auf das, was ich erreicht habe. Ich möchte jungen Mädchen zeigen, dass sie ihre Träume verwirklichen können und ich möchte Frauen ermutigen, mehr Möglichkeiten für sich selbst zu erschaffen. Das ist das Ziel, das ich, mit allem, was ich tue, anstrebe. Ich hoffe also, dass ich bis zu meinem 30-jährigen Jubiläum noch einige Schritte in diese Richtung habe unternehmen können!

Wenn Sie die Möglichkeit hätten, ganz von vorne zu beginnen: Welchen Weg würden Sie einschlagen?

Ehrlich gesagt, ich würde alles genauso wieder tun. Nicht umsonst lautet mein Motto: „Dare to dream, dare to grow, dare to be“. Ich habe von Anbeginn meinen Traum verfolgt, auch wenn meine Eltern ganz andere Pläne für mich hatten. Ich bin unbeschreiblich stolz darauf, was ich geschaffen habe und ich hoffe, andere Frauen dazu bewegen zu können, auch ihren eigenen Weg zu gehen. Somit bereut keine von uns im Nachhinein ihr Handeln – wir werden genau da sein, wo wir sein wollen!


Wie würden Sie sich selbst beschreiben?

Ich würde mich als feminine Feministin beschreiben. Um Gleichberechtigung zu erlangen, hatten viele Feministinnen früher das Gefühl, ihre Weiblichkeit eliminieren zu müssen, zum Beispiel durch das Verbrennen ihrer BHs. Gott sei Dank kannst du heute beides sein: Feministin und dennoch feminin. Wir können gleichberechtigt sein und trotzdem High Heels, Lippenstift und sexy Dessous tragen. Feminismus bedeutet das Streben für Gleichberechtigung und dabei gleichzeitig die eigene Weiblichkeit zu leben. Das ist das, was ich tue!

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