EINE OBSESSION

DALÍ - FREUD | EINE OBSESSION

 

BIS 29. MAI 2022 | BELVEDERE, UNTERES BELVEDERE | WIEN


Salvador Dalí, Composició amb tres figures. „Acadèmia neocubista“ (Komposition mit drei Figuren. „Neokubistische Akademie“),

1926 Museu de Montserrat, Barcelona donated by Josefina Cusí



Salvador Dalí und Sigmund Freud. In den surrealistischen Bildwelten des Künstlers lässt sich deutlich eine intensive Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse erkennen. Kannten sich die beiden tatsächlich? Die Geschichte ist so komplex wie ihre Protagonisten: Dalí entdeckte in den 1920er-Jahren die Schriften Freuds und war gebannt, ja: besessen! Von ihnen beeinflusst entwickelte er eine bis heute einzigartige Bildsprache. Freuds Skepsis gegenüber dem Surrealismus war jedoch groß. In Wien versuchte Dalí, sein Idol zu treffen – umsonst. Erst im Sommer 1938 kam eine erste und einzige Begegnung in London zustande. Dennoch bilden Dalís Erinnerungen an Wien ein faszinierendes Motiv für die Ausstellung im Unteren Belvedere.


Generaldirektorin Stella Rollig: „Ausstellungen machen heißt Geschichten erzählen – diese hier handelt von zwei Menschen, welche die Geistesgeschichte des 20. Jahrhunderts geprägt haben. Kunst und Geist, Erkenntnis und Leidenschaft: Es ist eine Geschichte voll Hingabe, Zurückweisung und Inspiration. Die Obsession Salvador Dalis für Sigmund Freud ist ein Motor seiner Schaffenskraft – die Ausstellung zeigt Dalis Werk erstmals in diesem Kontext.“


Salvador Dalí, Le jeu lugubre (Das düstere Spiel),

1929 Privatsammlung, Schweiz



Wien, 25. April 1937: Salvador Dalí steigt im Hotel Krantz-Ambassador ab. Wieder einmal hofft er darauf, Sigmund Freud zu treffen. Er möchte ihn von seiner „paranoisch-kritischen Methode“ überzeugen, Anerkennung für einen künstlerischen Ansatz erhalten, der auf den Theorien der Psychoanalyse basiert und den er für seinen größten und wichtigsten Beitrag zum Surrealismus hält. Doch es gelingt ihm nicht, den Vater der Psychoanalyse zu treffen. Salvador Dalí streift durch Wien und spielt im Geiste die ersehnten Gespräche mit Freud durch. Davon zeugen detaillierte Berichte in Dalís 1942 erschienener exzentrischer Autobiografie. Der Künstler selbst lässt sich ganz nebenbei von der Stadt und ihrer Kunst inspirieren. Zu einer tatsächlichen Begegnung wird es erst später kommen: Am 19. Juli 1938 trifft Salvador Dalí – auf Initiative des Schriftstellers Stefan Zweig und des Mäzens Edward James – Sigmund Freud in London.


Die Ausstellung verfolgt chronologisch die Zeit von Dalís Entdeckung der Schriften Freuds bis zum persönlichen Kennenlernen der beiden. Wie sehr hat die Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse Dalí in seinem Schaffen beeinflusst? Wie äußert sich in Dalís Werk die Verbindung von Freud’schen Konzepten mit Motiven aus dem persönlichen Kosmos des Künstlers?


Kurator Jaime Brihuega: „Für Dalí war die Lektüre Freuds eine faszinierende Offenbarung. Durch Freuds Theorien erlangte er Verständnis der Fantasien, Ängste, Wünsche und Frustrationen seiner Innenwelt. Das ermutigte ihn auch, diese in Bilder zu verwandeln, die Teil unseres kunsthistorischen Allgemeinguts geworden sind.“


Salvador Dalí, Cisnes reflejando elefantes (Schwäne spiegeln Elefanten wider), 1937 Esther Grether Familiensammlung



Die Ausstellung im neu eröffneten Unteren Belvedere stellt eingangs Dalís Familienuniversum und seine Auseinandersetzung mit den komplexen Verwandtschaftsverhältnissen in seiner Kunst vor; sie führt weiter ins Madrid der 1920er-Jahre, wo Dali in der Residencia de Estudiantes einen Hort des offenen Diskurses und des interdisziplinären Austauschs zwischen künstlerischer Avantgarde und Wissenschaft vorfand. In diesem befruchtenden Klima stieß er erstmals auf die Schriften Freuds, die ab 1922 in spanischer Sprache erschienen. Die Lektüre der Traumdeutung wurde für den jungen Künstler zu einer der wichtigsten Erfahrungen seines Lebens.


Salvador Dalí, Bildnis Sigmund Freud,

1938 Freud Museum London



Noch in Madrid kam Dalí ab dem Jahr 1925 mit den Ideen des Surrealismus in Berührung. Aus der Fülle von Einflüssen entwickelte der Künstler Ende der 1920er Jahre seine persönliche Ikonographie und legte die Grundbegriffe seiner surrealistischen Bildsprache fest. Zugleich fanden Freuds Theorien verstärkt Niederschlag in seinem Schaffen. Die zu diesem Thema gezeigten Werke zeichnen sich durch Anspielungen auf den Traum, auf Schuldgefühle oder auch auf sexuelle Obsessionen aus. 1929 lernte Dalí seine spätere Gefährtin Gala kennen. Mit ihr zog er nach Paris, wo er sich der Gruppe der Surrealisten um André Breton anschloss und gemeinsam mit Luis Buñuel die beiden Filme Un Chien Andalou (1929) und L'Âge d'Or (1930) drehte.


Anhand von Gemälden, Zeichnungen, surrealistischen Objekten, Fotografien, Filmen, Büchern, Zeitschriften, Briefen und anderen Dokumenten spürt die Ausstellung der Anziehungskraft sowie der Inspiration, die Freud auf Dalí ausübte, nach. Mit ihrem Fokus auf Dalís junge Jahre und seine freudianische Schaffensperiode erschließt die Schau die Entwicklung eines Künstlers, dessen Oeuvre zum kollektiven Kanon der Kunst des 20. Jahrhunderts zählt und das in mannigfaltigen Reproduktionen popularisiert worden ist.


Zu sehen sind rund 100 Werke, darunter Highlights wie die Gemälde Neokubistische Akademie (1926), Das finstere Spiel (1929) oder Schwäne spiegeln Elefanten wider (1937).



BELVEDERE | WIEN, ÖSTERREICH

Unteres Belvedere

18. Januar 2022 – 29. Mai 2022

www.belvedere.at

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